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Anti-Aging: Was ist wirklich dran? Dr. Norbert Hasenöhrl
>> Die
geheimnisvollen Power-Hormone
Der Kampf gegen das Älterwerden fasziniert Ärzte wie Betroffene. Allerdings sind manche der Konzepte und Maßnahmen, die heute schon gegen den Prozess des biologischen Älterwerdens angeboten werden, durchaus nicht unumstritten. Vor allem die Anwendung bestimmter Hormone - Stichwort: DHEA, Melatonin - wird von verschiedenen WissenschafterInnen sehr unterschiedlich bewertet. Wir haben für Sie in der medizinischen Literatur nachrecherchiert, um herauszufinden, was die Anti-Aging-Hormone wirklich können. Der Wunsch nach langem Leben - ja sogar nach Unsterblichkeit - ist so alt wie die Menschheit. Und auch Rezepte, um besonders alt zu werden, gab es wohl schon in Urzeiten. Wenn man sich die Aussagen moderner Mediziner zu diesem Thema anschaut, dann wirken sie gar nicht so neu. Drei Säulen, so hört man da, gebe es, um ein möglichst langes und vor allem gesundes Leben zu erlangen. Zum Ersten der Lebensstil im Allgemeinen, zum Zweiten die Ernährung und zum Dritten spezielle Maßnahmen wie die Verabreichung von "Power-Hormonen". Tatsächlich neu an der Sache ist natürlich nur der dritte Punkt, denn dass ein gesunder Lebensstil eine gute Basis für gesundes Altwerden ist, weiß man schließlich schon. Viel Bewegung, Vermeiden von Übergewicht, Ausgleichssport vor allem bei sitzenden Berufen - all diese Ratschläge sind nicht neu. Über die Ernährung wird schon ein wenig mehr diskutiert, aber es ist ziemlich gesichert, dass es vor allem darum geht, den Fettanteil der Gesamtkalorien einzuschränken, vor allem hochwertige pflanzliche Fette wie Olivenöl zu sich zu nehmen und ansonsten möglichst viel Obst und Gemüse zu essen.
Was sich hinter diesem Begriff verbirgt, ist nicht einmal halb so geheimnisvoll, wie es klingt. Vor allem ein - körpereigenes - Hormon haben die Anti-Aging-Päpste im Auge, wenn sie vom "Power-Hormon" des menschlichen Körpers sprechen: DHEA. Die Abkürzung steht für "Dehydroepiandrosteron", was nicht wirklich griffig klingt. DHEA ist einerseits selbst als Hormon wirksam, andererseits dient es als "Ausgangsmaterial" für männliche und weibliche Sexualhormone - konkret: Testosteron und Östradiol. Gebildet wird DHEA in der menschlichen Nebennierenrinde, wobei die Produktion mit etwa sechs oder sieben Jahren beginnt, mit 25 ihren Höhepunkt erreicht und etwa ab 30 wieder anfängt deutlich zurückzugehen. Aber auch andere körpereigene Hormone, wie Melatonin oder Wachstumshormon (GH) spielen beim pharmakologischen Kampf gegen das Altern eine Rolle. Und schließlich gehört in gewisser Weise auch die ebenfalls nicht ganz unumstrittene Hormonersatztherapie bei Frauen nach dem Wechsel dazu.
Bis zum Beginn des "Anti-Aging-Booms" war DHEA eigentlich nur als Stoffwechselprodukt bei der Entstehung von Östradiol bzw. Testosteron bekannt. Eigene biologische Wirkungen wurden dem Hormon hingegen nicht zugeschrieben. Neuere Studien zeigen jedoch, dass die externe Zufuhr von DHEA (das in den USA frei verkäuflich ist) gewisse Verbesserungen von altersassoziierten Problemen bringt. So zeigte sich in einer Studie1), dass bei älteren Frauen sowohl die Libido als auch der Knochenstoffwechsel und der Wassergehalt der Haut anstiegen. In einer anderen Untersuchung2) konnte bei älteren Männern mit niedrigen Ausgangswerten an DHEA eine deutliche Verbesserung bestimmter Parameter des Immunsystems durch DHEA-Gabe festgestellt werden. Dass DHEA auf das Immunsystem, aber auch auf das zentrale Nervensystem wirken könnte, zeigt eine weitere Studie3) an HIV-positiven Patienten beiderlei Geschlechts. Hier konnte durch DHEA-Gabe bei einem hohen Prozentsatz der PatientInnen sowohl die Stimmungslage gehoben, als auch die Müdigkeit verbessert werden. Einige der Effekte von DHEA könnten durch einen messbaren Anstieg eines anderen körpereigenen Hormons, des so genannten "Insuline-Like-Growth-Factor" (IGF-1) bedingt sein. Weitere Erkrankungen, gegen die DHEA wirksam sein könnte, sind Depression und Erektionsstörungen. Letztere Erkrankung wurde in einer kleinen Studie4) an der Wiener Urologischen Universitätsklinik erfolgreich mit DHEA behandelt. Auch über mögliche positive Wirkungen von DHEA auf Herz-Kreislauferkrankungen, Alzheimer und andere Krankheiten wird spekuliert. Außerdem wird immer wieder über eine Verbesserung des generellen Wohlbefindens bei älteren Menschen durch die Einnahme von DHEA berichtet, ein Effekt, der wohl entscheidend zur Propagierung dieser Substanz als Anti-Aging-Mittel beiträgt. Das große Problem dabei ist: Es gibt absolut keine Langzeitstudien mit DHEA, und somit ist auch keinerlei Aussage über das Risiko möglich, das mit einer länger dauernden Einnahme dieser Substanz verbunden ist. Denkbar wäre auch hier so manches, etwa eine Erhöhung der Raten an hormonabhängigen Krebsarten, wie Brust-, Hoden- oder Gebärmutterkrebs. Wissenschafter mahnen deshalb zur Vorsicht: DHEA sei als ein im Grunde genommen unerforschtes Medikament zu bewerten - die bloße Tatsache, dass es in den USA unglücklicherweise 1994 als Nahrungszusatz eingestuft wurde, ändere daran gar nichts.
Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das eine Funktion in der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus haben dürfte. In der Anti-Aging-Bewegung werden ihm allerdings auch das Eliminieren schädlicher Radikale und die allgemeine Steigerung des Wohlbefindens nachgesagt. Bei Frauen nach dem Wechsel, die mit weiblichen Geschlechtshormonen behandelt werden, scheint Melatonin den Blutdruck leicht zu senken, ein Effekt, der nur bei gleichzeitiger Therapie mit weiblichen Hormonen zu beobachten war. Und Melatonin hat eine gewisse schlafanstoßende Wirkung - auch physiologischerweise finden sich in der Nacht im Körper höhere Melatoninspiegel als am Tag. Das Problem mit Melatonin ist sehr ähnlich wie bei DHEA: Es gibt keinerlei Langzeitdaten und keinerlei Information über mögliche Nebenwirkungen einer langfristigen Einnahme. Mit dem menschlichen Wachstumshormon (GH) sieht es insofern anders als, als man eine Reihe von klar definierten Wirkungen dieses Hormons kennt, vor allem in der Wachstumsphase, aber auch danach. So reguliert GH - im Zusammenspiel mit vielen anderen Hormonen und Mechanismen - den Wasserhaushalt und Eiweiß- sowie Kohlenhydratstoffwechsel. Aber auch für GH gilt: Einer möglichen Verbesserung des Allgemeinbefindens durch Substitution von GH im Rahmen von Anti-Aging-Strategien steht ein völlig unkalkulierbares Risiko gegenüber. Niemand weiß, welche Nebenwirkungen eine GH-Substitution über längere Zeit auf den menschlichen Organismus haben könnte.
Im Gegensatz zum neueren "Anti-Aging" wird die Verabreichung von Östrogen-Gestagen-Kombinationen nach dem Wechsel seit 30 Jahren betrieben. Einem bekannten Nutzen stehen hier mehr oder weniger bekannte Risiken gegenüber. Tatsächlich ist trotz der langen Verwendungsdauer nicht allzu viel über das wirkliche Ausmaß etwa des Krebsrisikos durch diese Therapieform bekannt. Erst voriges Jahr lösten Zahlen, die der deutsche Epidemiologe Prof. Dr. Eberhard Greiser aus Bremen veröffentlicht hatte, große Aufregung aus. Greiser hatte nämlich behauptet, er könne beweisen, dass das Risiko für Brust- und Gebärmutterkrebs unter dieser Art der Hormongabe weitaus größer sei als bisher behauptet. Die meisten Gynäkologen widersprachen dieser Behauptung - Langzeitdaten werden auch hier erst 2005 vorliegen.
Wenn man sich die heute überall geltenden Standards der "Evidence Based Medicine" ansieht, also einer Medizin, die nur aufgrund gesicherter Fakten behandelt, so kann man bis dato den Anti-Aging-Behandlern wohl kein sehr gutes Zeugnis ausstellen. Nichts oder fast nichts von den gepriesenen Effekten von DHEA und anderen Hormonen ist hieb- und stichfest bewiesen, und es fehlen vor allem die so wichtigen Daten über die Sicherheit und die möglichen Nebenwirkungen dieser Behandlungen. Solange diese Daten nicht vorliegen - und es dürften noch gar keine entsprechenden Studien im Gang sein - kann man diesen Zweig der Medizin wohl nur als experimentelle Behandlung bezeichnen. Das Risiko des Experiments trägt der Patient. >>>Das Prohormon
DHEA Quellen für diesen Artikel: 1) Baulieu EE et al.:
Dehydroepiandrosterone (DHEA), DHEA sulfate, and aging: contribution of
the DHEAge Study to a sociobiomedical issue. Proc Natl Acad Sci USA
2000;97(8):4279-4284 Letzte Aktualisierung: Juni 2001
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